Theater Überleben

Inzest

"Inzest" zeigt die Geschichte einer jungen Frau, die sich nach und nach an verschiedene Stationen des durch ihren Vater begangenen Missbrauchs erinnert. Lydia ist eine ganz normale Frau; ein bisschen zerstreut, ein bisschen ängstlich, mal zu laut - mal zu leise, ein bisschen verrückt vielleicht. Sie betritt einen leeren Raum. In dieser Leere beginnt das Erinnern. Es ist kein leichtes freiwilliges Erinnern.

Da sind Assoziationen, die sich ihr aufdrängen, Handlungen, die sie zwanghaft vollzieht, Kräfte, die sie in die Enge treiben. Immer wieder versucht sie zu entfliehen, aber immer mehr wird sie zu dem kleinen Mädchen, das die von Mal zu Mal unerträglicher werdenden Übergriffe des Vaters erdulden muß. Dabei erlebt sie erneut die hilflose Sprachlosigkeit und Einsamkeit der Kindheit, die Abweisung der Mutter und das Ausgeliefert werden durch sie, Nächte, in denen der Vater sie "nur" streichelt bis hin zur Vergewaltigung. Sie spürt die Spaltung in ihrem Inneren, die es ihr ermöglicht hat zu überleben. Sie balanciert auf dem Grad zwischen Wahnsinn und Selbstmord. Und doch gibt es Hoffnung. Die Erinnerung hilft Lydia die Sprachlosigkeit der Kindheit zu überwinden. Aus dem Schmerzensschrei lösen sich Worte, die Angst und Schmerz mitteilen, mit den Worten kommt das Verstehen der Erwachsenen und die Möglichkeit zur Lösung.

"Inzest" ist ein Solostück. Es entstand aus der intensiven und schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem Thema "sexueller Missbrauch".

Wie alle Arbeiten von Caroline Kühnl basiert es auf den körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspielerin. Es zeigt auf einer kargen Bühne mit wenigen Requisiten sowohl die verschiedenen Stationen eines Missbrauchs auf- wobei die eindeutige Körpersprache nichts verbrämt - als auch die Vielfalt der zu bewältigenden Schritte, die das Erinnern mit sich bringt. Es zeigt Verdrängung, Verzweiflung, Wut und Selbstzerstörung, aber auch die Kraft, die am Leben hält und nach Heilung schreit. Und doch ist es ein eher stummes Stück, denn sexueller Missbrauch findet in einer Atmosphäre des Schweigens und des Tabus statt. Es "spricht" indem es zeigt. Es fordert heraus - hinschauen, mitfühlen, aushalten, sprechen.

Für Überlebende von sexuellem Missbrauch ist es wichtig, mit Menschen in Berührung zu kommen, die vor dem Thema und dem oftmals damit verbundenen Unvorstellbaren nicht zurückweichen. Es ist schwer, manchmal unmöglich Worte für das Geschehene zu finden. Mein Theaterstück nutzt die Kraft der Körpersprache, stellt dar und lässt den Zuschauer miterleben.

Aber gerade weil sich die Worte dem Geschehenen verweigern und die Übergriffe damit in einer Sphäre des scheinbar Ungeschehenen oder geheimnisvoll Verbotenen hängen bleiben, ist es so wichtig Worte zu finden und zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund biete ich im Anschluss an eine Aufführung ein Gespräch mit den ZuschauerInnen an.

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